Familienbiographie

Das Stiftungsvermögen wurde von dem Industriellen Hermann C. Starck begründet. Dieser befasste sich von 1920 bis in die späten Siebziger Jahre mit Metallhandel. Die Geschichte Hermann C. Starcks und seiner Unternehmungen lässt sich einer jüngeren Veröffentlichung von Dr. Rolf Froböse, The Story of Refractory and Ceramic Materials, 1995, entnehmen.

Zum persönlichen Hintergrund von Hermann C. Starck, der ein Zögling und Freund des 1922 ermordeten Reichsaußenministers Walther Rathenau war, mag ein Zitat aus dem angegebenen Werk (p. 96) genügen:

" (…) The era of the Third Reich and the years immedi-ately after World War II were an extremely difficult time for Hermann C. Starck personally. Following the seizure of power by the Nazis, many of Starck's friends had to flee Germany. He was left with a permanent sense of fear for his family. Like many of his contemporaries, Starck had to fight to protect his two children, Barbara and Gerhard, be-cause his wife, Klara, was Jewish.

These circumstances did not, however, prevent Hermann C. Starck from hiring other people who were oppressed by the Nazi regime. In October 1936 Dr. Hans Adelung joined the company because he was not able to continue his education as a lawyer for political reasons. Another exam-ple was the 20-year-old Hellwarth Lahusen, who began his career at H.C. Starck as commercial clerk in February 1940. Lahusen was lucky that he was largely able to es-cape persecution by the Gestapo through his constant travels between Berlin and Goslar. (…)"

 

Gespräch mit Peter Spiro

Verschriftlichung (im Wortlaut) eines aufgezeichneten Gesprächs mit Peter Spiro am 26. Mai 2004 in London.

Ich habe Deutschland Ostern 1935 verlassen. Ich kenne Starck praktisch seit meiner Geburt. Er war so etwas wie ein Transfervater für mich. Ich träume noch alle paar Nächte von ihm. Meine ganze Jugend lang habe ich sehr viele Wochen in seinem Besitz in Potsdam verbracht. Auch noch im Dritten Reich die ersten Jahre. Ich weiß, wie dass Deutsche Reich einbrach zum Beispiel:

Starck hatte ein großes Bürohaus in der Belvuestraße, hat er sofort oben im obersten Stock eine Art Laden einrichten lassen, wo eine Gruppe junger jüdischer Leute Memorabilien, die aus allen jüdischen Traditionshäusern kamen, so merkwürdige kleine Dinge verkauften, außerdem Haushaltsgeräte um diesen Leuten zu helfen um der Organisation zu helfen und er hat Besuche dorthin geführt. Klar haben die nicht viel Geld gemacht, aber sie hatten wenigstens keine Miete zu zahlen. Ich nehme an das war eine Neugründung. Die Leute habe vorher etwas anderes gemacht und ihre Stellung verloren.

Starck, der immer Minderheiten unterstützt hat, z. B. in der Weimarer Republik hat er den halbkommunistischen Malik-Verlag unterstützt. Später dann einen jüdischen Verlag, der Bücher über jüdisches Brauchtum und Tradition herausbrachte und deren Bücher er verschenkte, An den Namen erinnere ich mich nicht mehr. Alles Dinge, die später eingegangen sind, natürlich aber Dinge, die in den ersten drei vier Jahren des Dritten Reiches eine kurze Blüte hatten.

Andere Dinge, die ich nur aus Erzählungen gehört habe, wie die Kristallnacht, die Verhaftung aller prominenten Juden. Einer seiner Freunde, ein Rechtsanwalt, war Friedrich - nein Friedrich war der Sohn - Gerhard Kohn, der sich in Schweden dann Kornel nannte und bei dem sicher die Gefahr bestand, dass er auch nach der Kristallnacht verhaftet werden würde, den hat Starck aufgesucht und ist mit ihm den ganzen Tag die Straße rauf und runter gegangen, weil die Gestapo in Anwesenheit eines Ariers nicht verhaftet hätte, das hätte schlecht ausgesehen und die sind praktisch herumspaziert bis die Verhaftungswelle vorbei war. Das war eine typische Geste.

Das andere war irgendeine ausländische Organisation, eine Christliche wahrscheinlich, die wollte nach Deutschland kommen und sehen, was man tun kann, um Leuten zu helfen, zur Auswanderung und so weiter und typischer Weise suchten sie Adressen, wo sie offen sprechen konnten und typischer Weise wurde denen H. C. Starcks Adresse gegeben. Die kamen dann in sein Büro und sagten: Kann man hier offen sprechen und sind sie auf unserer Seite und so weiter. Also es ist klar, das Starck international als hilfsbereit gegolten hat.

Meine Eltern sind 1935 nach Paris ausgewandert. Mein Vater hatte in Paris auch kein Geld und das bisschen Geld, das ich hatte, hatte ich von H. C. Starck. Es gab ein so genanntes Joint Distribution Committee und Verwandte von Emigranten durften eine gewisse Geldsumme schicken, aber nur Verwandte, die Devisengesetze waren sehr streng, weil Deutschland keine Valuten hatte. Theoretisch konnte das zu der Zeit nur mein Großvater tun, meinmütterlicher Großvater, der jüdischer Abstammung war, im Gegensatz zu meiner mütterlichen Großmutter. Er konnte das Geld nach London schicken. Aber es war klar, das Starck ihm das Geld gab. das er dann schickte. So das mein einziges Einkommen von H. C. Starck war.

Wie mein Vater emigrierte steht in dem Tiposkript, das ich ihnen gegeben hatte. Das hört sich heute alles sehr dramatisch an. Für meinen Vater war aber damals noch alles sehr bequem. Der Witz war, wovon sollte er leben, wenn er in Paris ankam und da hat Starck organisiert, dass sein industrieller Kumpan Mr. Green, [Auslassung: Heutige Verbindungen zwischen Starck-Pauly und Green] in das Atelier meines Vaters kam und ihm dort für gutes Geld mehrer Bilder abgekauft hat. Das Geld hat Green dann in Paris hinterlegt, hinterlegt, so dass mein Vater, als er in Paris ankam genügend Geld hatte. Er hat das dann alles verschwendet für den Umbau eines Hauses in dem er umsonst leben konnte, weil er glaubte, vom Verkauf der Bilder leben zu können.

Gegen Ende meiner Zeit in Deutschland erinnere ich mich, erschienen an einem Wochenende in seinem Haus in Potsdam lauter mir unbekannte jüdische Kinder von einer Familie, der es anscheinend nicht sehr gut ging. Starck hatte sie zu einem schönen Wochenende nach Potsdam eingeladen. Eine kleine Seitensache, aber eine typische Geste.

Wie das dann im Krieg war? Seine Frau, die jüdisch geboren, allerdings unitarisch getauft war, aus Ungarn, die musste den gelben Stern tragen, aber um sie zu schützen, hatte er ein Taxi mit Fahrer, der sie immer von Potsdam zum Fehrberliner Platz fuhr, so dass sie praktisch nicht in der Öffentlichkeit auftauchte.

Jahrelang habe ich mich gewundert, wie sie der Verschleppung entkommen ist, scheinbar, dachte ich, weil Starck eine solche Stellung hatte, wegen Wolfram. Wolfram eines der Metalle, das in Deutschland knapp war. und Starck ging während des Krieges nach Portugal, wo er auch mit meinen Eltern zusammentraf, um irgendwie Wolfram Lieferungen zu verhandeln. Ich dachte, das hatte ihm den deutschen Autoritäten gegenüber eine so starke Stellung gegeben, dass er seine Frau hätte schützen können. Starck hat mich darüber ausgelacht.

Was wirklich war: Klari Starck wurde verhaftet. Starck muss gerade weg gewesen sein. Die Nazis haben das immer so ausgesucht, wenn der andere Teil weg war. etwas zu machen. Das war auch so bei der Witwe von Liebermann. Sie war geschützt, wenn der Arzt Dr. Sauerbruch im Hause war [...]

Klari wurde also verhaftet, sie war in einem Gefängnis in Berlin. Starck wusste nicht wo sie war, aber eine andere Insassin des Gefängnisses, eine Arierin, schmuggelte einen Brief für sie heraus. Da wusste Starck, wo sie war und ging in die entsprechende Polizeistation und - die Zufälle des Lebens - der wachhabende Offizier war früher der Verkehrspolizist, der am Knie den Verkehr leitete und dem Starck jeden Weihnachten ein großes Geschenk gemacht hatte. Damals waren Autofahrer noch eine privilegierte Minorität und hatte ihre Lieblingspolizisten und der Polizist sagte: Sie erkennen mich nicht, aber ich erkenne sie, sie haben mir doch immer Weihnachten und so - und ihre Frau sitzt hier im Gefängnis? Und sie kam raus. Dafür war die Klari ihm Starck bis an ihr Lebensende dankbar, denn er hat ihr damit das Leben gerettet.

Das Schlimme ist, ich weiß so wenig, wie sich das dann im Krieg entwickelt hat. Ich weiß nur, dass Starck, obwohl ihm die Firma ja gehörte, muss er doch in eine Art Seitenstellung in seiner eigenen Firma geschubst worden sein. Einer seiner Aussprüche war, als es immer schlimmer in Deutschland wurde, was früher den Juden verboten worden war, wird jetzt allen Deutschen verboten. Und die schlimme Sache, die russische Verhaftung und Waldheim, aber da gibt es ja genug Dokumente zu.

Es gab nach dem Krieg in der Starck-Firma einen jüngeren Mann, dessen Namen ich vergessen habe. Herr Lahusen?
Ja, fantastisch. Lahusen, der auch eine jüdische Mutter hatte und dessen Vater in einen der Skandale, wovon die Nazis so viele machten, verwickelt worden war. Und nicht nur das er war Mitschüler von mir in Salem am Bodensee. Den habe ich nach dem Krieg in der starckschen Firma wiedergetroffen und der lebt sicher noch. Der weiß viel mehr was der Starck Firma während des Krieges passiert ist. Lahusen, richtig. Der hat sich sehr eingesetzt, als die Fabrik nach dem Krieg von den Alliierten auseinander genommen worden ist. Da ist es dem Lahusen gelungen, sehr viele der starckschen Dinge zu retten' Aber der sollte mehr wissen über starcksche Existenz während des Krieges.

Der Starck war ein wahnsinniger Büchersammler, weil er die Illusion hatte er kommt zum Lesen, er kam aber nicht zum Lesen, aber die Bücher sammelten sich an. Natürlich hat er viele Bücher verschenkt.

Starck hat lange nicht die Anerkennung bekommen hat, die er verdient hat, von der jüdischen Frage ganz abgesehen, als erfolgreicher Industrieller, als Wohltäter, die Public Relations sind immer vernachlässigt worden, warum auch immer - natürlich haben die Jahre in Waldheim nicht dazu beigetragen, sie zu verbessern.

Ich weiß, dass bei einem seiner Geburtstage, wo meine Frau und ich eingeladen waren, im Kempinski, wo er Gott weiß wie vielen Leuten die Karten zahlte, damit sie dahin kommen konnten, sprach einer, der aus Amerika zu Besuch gekommenen Emigranten, dass er versucht habe, in einer amerikanischen Universität ein Stipendium mit seinem (H. C. Starck) Namen zu stiften, aber das sei an bürokratischen Hürden gescheitert. Der Mann, das wurde aus der Rede klar, war sehr arrogant, so dass anzunehmen ist, dass er in der Universität jemandem auf die Zehe getreten ist. So was passiert ja. Aber Starck verdient viel mehr Anerkennung, als ihm bis jetZ zukommt.

Gerhard hat versucht, das Haus meiner Großmutter in Hiddensee zurück zu bekommen, aber seine Krankheit schleppte sich schon hin und dann hat Renate das weiter geführt. Aber dann sagte sie plötzlich, du das deutsche Erbrecht ist zu kompliziert und hat aus eigenen Stücken mir und meinem Vetter Thomas in San Diego, eine sehr große Geldsumme gegeben, Das Verfahren wurde dann fallen gelassen.

Gibt es noch lebende Leute, die Hermann Starck gekannt haben?
Friedrich Kohn, der Sohn von Gerhard Kohn, ist vor ein paar Jahren gestorben Marianne Clark, geborene Goldmann, lebt in Bath und steht mit Peter Spiro in Kontakt. Die hat eine ungeheure Sammlung von Starckfotos.
Frau Verhaag, jahrelang Angestellte des starckschen Büros in der Elisabethstraße, Düsseldorf, aber ich weiß nicht, wie weit sie über die Zeit während des Krieges Bescheid weiß.

Großvater mütterlicherseits von Peter Spiro war Prof. Dr. Samuel Sänger.

Gespräch mit Peter Spiro als PDF-Datei

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